
Hüte verkörpern stets eine schmückend-dekorative Symbolik; zeitgleich definiert ein Hut dessen TrägerIn und fungiert als modisches Kommunikationsmittel. Als ich vor vielen Jahren zufällig auf einen magischen Theaterfundus in den Niederlanden gestoßen bin und jenen kleinen wunderkammerartigen Raum betrat, fiel mein Blick unmittelbar auf einen antiken geflochtenen Kegelhut. Der Hut strahlte aufgrund seiner geometrischen Form sowohl Dramaturgie und Poesie als auch Tradition und Handwerklichkeit aus. Später erfuhr ich, dass Kegelhüte, auch bekannt als Reishüte, im asiatischen Kontinent weitverbreitet sind – und erheblich mehr als reinen Schutz vor meteorologischen Umständen wie Sonne, Hitze oder Regen bieten. Kegelhüte gelten als Spiegel der kulturellen Identität zahlreicher asiatischer Gesellschaften, insbesondere im geografischen Gebiet von Südostasien und Ostasien. Zudem symbolisiert die Herstellung jener Hüte aus natürlichen Materialien wie Bambus, Schilf, Stroh und Palmblättern die Verknüpfung zwischen den Menschen und der Umwelt. Die Hüte sind demnach gleichermaßen nachhaltig und poetisch: In zahlreichen Städten in Vietnam gibt es sogenannte Gedichthüte, eine Abwandlung und Sonderform des klassischen Kegelhuts. Auf deren Unterseite befinden sich handgezeichnete Bilder und Gedichte.
In der Vorkolonialzeit haben Adelige außerdem wertvolle Varianten der Kegelhüte herstellen lassen; diese wurden mit Edelsteinen, Juwelen, Edelmetallen und Schildplatt verziert. Hüte wurden nicht selten zu Kunstobjekten transformiert und zu den Hauptdarstellern der Mode erhoben. Auf eine ähnlich tiefe Verwurzelung in der Geschichte der Handarbeit und Traditionsbewahrung von Hüten, treffe ich in einem idyllischen Fischerdorf in der Region der Marken. Dass Hüte mehr als eine rein praktisch-schützende Funktion erfüllen und weit mehr als ein reines Accessoire sind, beweist Alice Catena mit ihrem Strohhut-Label Montegallo. Alices Vorfahren haben als Fischer im kleinen Numana (neben Ancona) gelebt und dort täglich – sowohl im Sommer als auch im Winter – Strohhüte getragen. Montegallo entspringt dem Wunsch, die jahrhundertealte Tradition der Strohverarbeitung zu würdigen und für die Zukunft aufzubewahren; eine Tätigkeit, die bereits im 14. Jahrhundert ihre Wurzeln hat und primär mit der Lebensgrundlage der Landwirtschaft in Verbindung gebracht wurde. In einem bewegenden Gespräch erzählt Alice, wie sie von den Ursprüngen der Hutproduktion in ihrer Kindheit erfahren durfte.
Die Frauen auf dem Land flochten die geernteten Weizenhalme und stellten Kopfbedeckungen her, um die Männer, die auf den Feldern oder auf hoher See arbeiteten, vor der Sonne zu schützen. Nach und nach begannen die Männer, Hüte und Weizenzöpfe auf dem Markt zu verkaufen, wodurch eine erste Form einer nachhaltigen und alternativen Wirtschaft entstand. Dank ihrer Geschicklichkeit weitete sich die Produktion nach dem Zweiten Weltkrieg auf Taschen und Schuhe aus, die schnell zu dekorativen Elementen wurden; unverzichtbar, um Anmut und Unterscheidungskraft zu verleihen. Noch heute sammeln und flechten die letzten Frauen in der Gegend den Weizen. Als Alice die handwerklichen Fähigkeiten jener Damen kennenlernt, ist sie dermaßen beeindruckt, dass sie im Jahr 2018 ihre eigene Hutproduktion mit der Intention ins Leben ruft, Hutkreationen als Kunstobjekte aufzufassen und aufleben zu lassen. Die Designerin hat dabei Historie, handwerkliches Können und kreative Tradition vereint, um mit lokaler Meisterschaft ein wertvolles Kulturobjekt zu schaffen. Montegallos Hüte sind zeitlose Einzelstücke, die aufgrund der Handarbeit und Stickereien einen Hauch von stilvoller Nostalgie sowie Eleganz einer vergangenen Epoche verleihen.
Die zeitgemäße Schnelllebigkeit und die kommerzielle Industrialisierung stellen in der Hutkultur eine markante Hemmung dar. Die Antithese dazu sei – genauso wie bei Couture-Kreationen – ein Fest der exklusiven Handwerkskunst.